Weniger ist mehr - Ressourcenschonend wirtschaften

Ökologie und Ökonomie – diese zwei Begriffe scheinen sich auszuschließen. Vielerorts herrscht weiterhin die Ansicht vor, dass wirtschaftliche Entwicklungen zwangsläufig auf Kosten der Umwelt gehen. Konsum wandelt sich jedoch mit der jüngeren Generation zu einer Haltung, die eine ethische Grundfarbe bekommt. “LOHAS“ (Lifestyles of Health and Sustainability) sind als gesundheitsbewusster und nachhaltig lebender Konsumententyp im Fokus der Wirtschaft. Nicht umsonst ist „Green Pressure“ das Trendwort des Jahres 2020.

Umweltfreundliche Herstellung, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Produkte aus fairem Handel und Recycling sind Parameter, an denen sich Unternehmen bereits jetzt, und künftig noch mehr, messen lassen müssen. Auch das Umweltbundesamt hat die Zeichen der Zeit in einem Artikel aus dem August 2021 erkannt: „Die derzeitige Wirtschaftsweise untergräbt unseren Wohlstand, weil sie die natürlichen Grundlagen des Wirtschaftens zerstört. Daher ist der Übergang zu einer Green Economy erforderlich, die in Einklang mit Natur und Umwelt steht.“

Rein behördliche Ver- und Gebote zur Einführung oder Durchsetzung umweltschonender Prozesse bieten oftmals Konfliktpotenzial, weil die Anwendung geforderter neuer Technologien meist erhebliche Investitionen für Unternehmen bedeuten. Deshalb ist es wichtig, bei der Suche nach umweltschonenden Technologien über den Tellerrand zu schauen und nach Synergien zu suchen.

Diesen Ansatz verfolgt auch Dr. Alexandra Pehlken, Nachhaltigkeitsexpertin und Mitarbeiterin im Bereich Produktion am OFFIS- Institut in Oldenburg. OFFIS berät Unternehmen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) als Grundlage für neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen. Somit sitzt die Ingenieurin an der Schnittstelle zwischen Forschung und Produktentwicklung. Die WEITBLICK hat sich mit Dr. Pehlken darüber unterhalten, wie Wirtschaft künftig unter ökologischen Gesichtspunkten gestaltet werden kann.

WEITBLICK: Wie sehen Sie die Relation zwischen Wirtschaft und Umwelt?

Dr. Alexandra Pehlken:
Der Bund hat den Beratungsbedarf zu diesem Thema entdeckt und es ist die Politik, die die Weichen für neue Entwicklungen stellt. Der Klimawandel, steigende Produktionskosten und neu zu überdenkende Lieferketten nehmen immer mehr Raum im öffentlichen Diskurs ein. So, wie bisher gewirtschaftet wurde, kann es nicht weitergehen. Dabei ist die Digitalisierung - Stichwort Mittelstand 4.0 - ein wichtiger Weg, um konkurrenzfähig zu bleiben und sich zukunftsorientiert aufzustellen. Auch mittelständische Unternehmen haben mittlerweile riesige Datenvolumen, mit denen sie täglich jonglieren. Recycling und Upcycling von Material wird künftig eine wichtige Rolle im Wirtschaftskreislauf spielen. Denn die Ressourcen sind endlich und ein Umdenken wird notwendig. Wir können dabei von unseren Nachbarn lernen. In Skandinavien gibt es bereits interessante Innovationen, die sich als Ideenanreize anbieten. Einige Kommunen in Schweden setzen auf die Kreislaufwirtschaft bei der Müllverbrennung oder nutzen LKWs von Lieferdiensten zum Abtransport von Altpapier. So werden Leerfahrten vermieden.

WEITBLICK: Wie können Unternehmen dazu gebracht werden, den Umweltgedanken in ihren Produktionskreislauf zu integrieren?

Dr. Alexandra Pehlken:
Indem die Voraussetzungen vereinfacht werden, ökologisch zu handeln. Kleine und mittlere Unternehmen benötigen Unterstützung, den Herausforderungen der Digitalisierung zu begegnen und sie als Chance zu sehen. Es muss bessere Vernetzungsmöglichkeiten geben und es müssen Optionen aufgezeigt werden, wie Ressourcen besser genutzt, Emissionen reduziert und Produktionsabfälle wiederverwendet werden können. Ein Umdenken des gesamten Warenkreislaufs mit effizienter Umwelttechnik ist nötig.

WEITBLICK: Als Rohstoffingenieurin und Nachhaltigkeitsexpertin beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren mit den Themen Material- und Energieflussanalyse, Energiemanagement, Sekundärrohstoffen und Kreislaufwirtschaft. Dabei haben Sie erfolgreich die Forschergruppe „Cascade Use“ an der Universität Oldenburg geleitet. Was ist deren Ziel?

Dr. Alexandra Pehlken:
„Cascade Use“ entwickelte die App RAUPE – „Nachhaltige IT-gestützte Rückführentscheidungen am Beispiel gebrauchter Autoteile“. Bei dieser Plattformentwicklung können gebrauchte Autoteile, die in einem nicht mehr wirtschaftlich reparierbaren Auto verbaut sind, aber noch voll funktionsfähig sind, hinsichtlich deren verlässlicher Weiternutzung im Vergleich zu Neuteilen verglichen werden. Werkstätten und auch Endverbraucher hätten eine Entscheidungsunterstützung, ob sie ein Neuteil oder ein gebrauchtes Teil kaufen sollen. Ziel: Geringerer Verbrauch von Rohstoffen. Für diese App wurde „Cascade Use“ mit dem Deutschen Rohstoffeffizienzpreis 2018 vom Wirtschaftsministerium ausgezeichnet.

WEITBLICK: Ist Ihr Forschungsprojekt RAUPE auch auf andere Branchen als der Autoindustrie anwendbar?

Dr. Alexandra Pehlken:
Auf jeden Fall. Dabei muss es nicht nur um recyclebare Waren gehen. Generell können Warenkreisläufe auf diese Weise optimiert werden. Das Prinzip ist auch auf Handwerksbetriebe anwendbar, wie die Webseite www.materialrest.24 zeigt. Dachdecker etwa müssen ihr Material häufig in Gebinden kaufen, obwohl sie so große Mengen gar nicht benötigen. Hier wäre eine Plattform hilfreich, um sich mit anderen Dachdeckern oder Handwerkern zu vernetzen, ob nicht gerade jemand ebenfalls eine kleinere Menge benötigt. Auf regionaler Ebene könnten so Materialien geteilt oder Lagerplatzkosten gespart werden. Von der Schraube bis zum Maschinenpark – wie es Landwirte bereits praktizieren – könnten sinnvolle Synergien geschaffen werden.

WEITBLICK: Was können VerbraucherInnen tun, um Unternehmen dazu zu bewegen, umweltbewusster zu agieren?

Dr. Alexandra Pehlken:
Ganz banal gesagt: einfach keine Produkte mehr von Umweltsündern kaufen. Oder den Arbeitgeber danach aussuchen, wie umweltgerecht dieser arbeitet und produziert. Moderne Arbeitnehmer haben Werte, die sie auch am Arbeitsplatz umgesetzt sehen wollen. Unternehmen täten gut daran, das Label „Nachhaltigkeit“ auch zu leben. Und das heißt nicht, lediglich die Styroporbecher am Kaffeeautomaten gegen Porzellan auszutauschen. Nachhaltigkeit muss sich auf das gesamte Unternehmen ausdehnen.

WEITBLICK: Wie wichtig ist dabei das Thema Digitalisierung?

Dr. Alexandra Pehlken:
Viele Unternehmen wissen gar nicht genau, wieviel Energie in die jeweilige Fertigung hineingeht und was an Abfällen oder recycelbaren Rohstoffen hinausgeht. Da wäre beispielweise eine digitale Lösung interessant, die den Gas- oder Ölverbrauch beobachtet und genau Auskunft darüber gibt, wo gespart werden könnte beziehungsweise Alarm schlägt, wenn zu viel verbraucht wird. Oder eine digitale produktspezifische Nachverfolgung, welcher Artikel wieviel gekostet hat, um Optimierungsansätze für die Produktgestaltung oder Materialeffizienz zu liefern.

WEITBLICK: Wie wirken sich zukünftig ökologische Forderungen auf die Wirtschaft aus?

Dr. Alexandra Pehlken:
Die nachfolgende Generation wird mit weniger auskommen müssen. Reichtum heißt zukünftig nicht nur das Konsumieren von Dingen und Erlebnisangeboten, sondern auch zu wissen, was man nicht braucht und wie man die Dinge langfristig nutzt und erhält.
Ein Umdenken ist daher unausweichlich und die Weichen dafür werden von der Politik gestellt. Nur ein deutlich höherer CO2-Preis etwa wird ein Umdenken und Umschwenken auf erneuerbare Energien forcieren. Biomasse und Windenergie müssen fossile Rohstoffe ersetzen. Wer im mittelständischen Bereich erfolgreich am Markt bleiben will, muss sich den Herausforderungen stellen, die Maßnahmen zur Einsparung von Energie und Rohstoffen einerseits, sowie die Reduktion von Emissionen bei CO2 und Abfallstoffen andererseits fordern. Das gibt Raum für spannende und innovative Ideen in allen Bereichen.

Dr.-Ing. Alexandra Pehlken

Die ausgezeichnete Rohstoff- und Nachhaltigkeitsexpertin entwickelte digitale Tools, um Ressourcen einzusparen. Ihre Expertise liegt im Sekundärressourcenmanagement und der Kaskadennutzung von Werkstoffen mit ihren Auswirkungen auf den Lebenszyklus. Sie leitet den Kompetenzcluster Nachhaltigkeit und Digitalisierung am OFFIS- Institut für Informatik in Oldenburg. Unternehmen werden an dieser Schnittstelle zwischen Forschung und Produktion (im Rahmen des Mittelstand Kompetenzzentrum 4.0 kostenfrei) beraten, wie innovative Ideen mit computergestützten Technologien zur Marktreife gebracht werden können.

Weitere Infos zu Alexandra Pehlken
Kostenfreie Beratung unter Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Bremen (OFFIS ist Partner).

 

Cascade Use (Kaskadennutzung)

„Cascade Use“ war eine – im FONA-Programm der Bundesregierung (Forschung für Nachhaltigkeit) geförderte – Nachwuchsforschungsgruppe mit dem Bezug „Globaler Wandel“. Unter einer Kaskade wird eine stufenartige Nutzung von Materialien bzw. Bauteilen in einer oder mehreren Lebenszyklen verstanden. Die Nachwuchsforschungsgruppe „Cascade Use“ wollte einen Beitrag dazu leisten, wie unsere Gesellschaft daran teilhaben kann, dass der CO2-Ausstoß vermindert wird und weniger Ressourcen verbraucht werden. „Cascade Use“ war an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg angesiedelt. Die Arbeiten von „Cascade Use“ werden nun am OFFIS fortgeführt.

 

Green Pressure

Mit „green pressure“ ist der zunehmende Druck gemeint, mit dem ökologisches Handeln sowohl von der Politik als auch von Konsumierende gefordert wird. Immer mehr Menschen - insbesondere die junge „Generation Global“ - hinterfragen den Sinn von Produkten und nehmen deren Produktionsweg genau unter die Lupe. Nachhaltigkeit und kritischer Konsum wird zum Lifestyle. Unternehmen werden gezwungen, ihr Portfolio zu überdenken.

Autoreifen erhalten eine zweite Chance als Sportbodenbelag

Zurück